Description
Die kindliche Unschuld ist Vehikel gesellschaftlicher Interessen, strategisches Instrument - immer wieder auch zur Bekraftigung sozialer Ordnung und zur Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten. Der Blick auf das Kind gilt der Gesellschaft. Was als das Wesentliche des Kindes identifiziert und offentlich geltend gemacht wird, ist Bestandteil - und nicht selten argumentatives Kernelement - gesellschaftlicher Entwurfe und es ist diesen verpflichtet. Das Kind wird als Chiffre fur hochste moralische Werte eingesetzt und zur Instanz hochstilisiert, vor deren Richterstuhl die Bucher aufgetan werden. Ob es um die Bekraftigung herrschender Moral und dann auch den Kampf gegen religiose oder soziale Minderheiten geht, ob die Gesellschaft umgeformt werden soll oder Gruppeninteressen durchgesetzt - die Rede vom Kind verleiht den Forderungen Gewicht. Kindliche Unschuld ist damit nicht Produkt unverdachtiger Mythologie und erwachsener Projektionen. Sie ist Strategie in Zusammenhangen von Macht und Konflikt - das wird in allen Beitragen dieses Bandes gezeigt, aus der Sicht verschiedener Disziplinen und an Dokumenten aus verschiedenen Jahrhunderten: philosophischen Schriften, Uberlieferungen von kirchlichen Brauchen, sozialpolitischen Diskursen und Entscheidungen, Belletristik, Entscheidungen von Lebensversicherungen und Gerichten.